Aufgabe 8 - Bloggen

Gasteiner, Martin/Krameritsch, Jakob, Schreiben für das WWW: Bloggen und Hypertexten, in: Schmale, Wolfgang (Hg.), Schreib-Guide Geschichte, UTB, Wien ²2006, S.243-271.


Paradoxon Weblog – Das öffentliche Tagebuch

Vor Jahren noch mehr als unbekannt, erfreuen sich Blogs vor allem in privaten Anwendungsgebieten immer größerer Beliebtheit. Ungefähr 70 Millionen Blogs sind weltweit bereits online. Und die Zahl steigt täglich. Auch im wissenschaftlichen Bereich werden Weblogs immer häufiger als Plattformen für Publikationen, Austausch oder Kommunikation genutzt. Neben der schnelleren, leichteren und ortsunabhängigen Form der Kommunikation steht dabei vor allem der kreative Prozess des Schreibens im Vordergrund.

Wie in einem Tagebuch oder bei einem Journal, geht es darum, regelmäßig Einträge zu verfassen. Der Computer als Medium und die breite Zugänglichkeit zu diesen Texten hat jedoch nicht nur die Produktionsweise von Texten verändert, sondern auch die Art und Weise des Schreibens selbst. Einhergehend mit der Schnelllebigkeit des Mediums in dem er sich bewegt, wählt der Autor häufig einen Stil „der kurzen Form“.

Der Blog ist eine Mischform aus persönlicher Homepage und Diskussionsforum, die Bezeichnung setzte sich aus den Worten Web (World Wide) und Logbuch zusammen. Da man für den durchschnittlichen Blog keinerlei Programmierkenntnisse benötigt, ist er auch für ungeübtere Computerbenutzer nach kurzer Eingewöhnungszeit leicht zu handhaben. Der Weblog ist rückwärtschronologisch angelegt. Das bedeutet, dass jeweils der letzte Eintrag an erster Stelle aufscheint.

Die einzelnen Beiträge können vom Autor thematischen Gruppen zugeordnet werden um so die Übersichtlichkeit zu erhalten. Mittels einfacher Kommentarfunktion kann der Leser sofort zum Diskurs beitragen. Durch Zuordnung einzelner URLs ist es auch möglich, sich auf einzelne Einträge eines Blogs zu beziehen. Da dies dem Autor durch die „Trackbackfunktion“ gemeldet wird, entstehen verschiedenste Verknüpfungen zu anderen Blogs – die Blogsphere entsteht.

Der größte Unterschied zum konventionellen Tagebuch besteht aber in der Größe des lesenden Publikums. Statt hinter verschlossenen Türen zu schreiben, kommuniziert der Autor durch die Veröffentlichung in einem Blog mit einer großen Gemeinschaft an Lesern. Dabei dient der Schreibprozess auch als erneute Reflexion über ein Thema und ist so ein wichtiger Schritt im Ideen- oder Meinungsfindungsprozess. Natürlich muss man hierbei mit sofortigem Feedback rechnen – der nächste Kommentar kommt bestimmt. Nachfolgende Diskussionen oder Kritik können aber durchaus fruchtbar enden.


Ebenfalls eine Variante des wissenschaftlichen Nutzens von Blogs ist das persönliche Archiv. Vollkommen ortsungebunden lassen sich hier wichtige Links sammeln oder auf Onlinekataloge verweisen. Neben Rechercheschritten oder einfachen Notizen finden sich dann auch unausgegorene Ideen oder ganz einfach eine Sammlung an bereits Erledigtem und Bearbeitetem. Da hier eigenständige Ideen veröffentlicht werden und damit geistiges Eigentum, welches unter Urheberrechtsschutz steht, ist auch die Überlegung zur Lizenz nicht fern. Da es sich aber um völlig frei zugängliche Informationen handelt, sollte man nicht vergessen, persönliche Daten so knapp wie möglich zu halten oder erst gar nicht zu erwähnen.

Wenn ein Blog nicht nur einen sondern mehrere Autoren hat unterscheidet man zwischen offenen und geschlossenen Gruppen. Ein Beispiel für eine geschlossene Gruppe bietet etwa der Hintergrund einer Lehrveranstaltung oder Gruppenarbeit. Hier schließt sich ein kleines Kollektiv zusammen um den Blog als rasche, ungebundene Arbeits- und Austauschplattform zu nutzen. Bei einem offenen Blog wird meist nur ein Thema vorgegeben, zu dem sich jeder äußern kann.

Einen Blog anlegen kann eigentlich jeder. Vor allem wenn man sich dabei an Anbieter von vorgefertigten Modellen wie etwa twoday.net hält. Nach einer kurzen Registrierung kann man bereits beginnen, den Blog zu gestalten oder Daten upzuloaden. Der zweite – etwas kompliziertere Weg – geht über open-source Weblogs, die auf eigenem Serverplatz eingerichtet werden. Dazu sind zwar ein wenig mehr Zeit, Webspace und Kenntnisse vonnöten, dafür bieten sich mehr Optionen zur Personalisierung des Angebotes.

Kommentar

Schon irgendwie seltsam. Ein Tagebuch das jeder lesen kann. Ein wissenschaftliches Journal mit Ideen, die sofort kommentiert werden könne. Seltsam aber vielleicht nützlich. Denn gleichgültig ob es sich nun um private Blogs und die Frage nach roten oder schwarzen Schuhen zum Traumrock oder um Feedback auf den neuesten Ansatz zur Bearbeitung des aktuellen Seminararbeitsthemas handelt, manchmal schadet ein wenig Öffentlichkeit, eine konträre Perspektive und eine zweite Meinung nicht. Und die kommt dann meistens auch noch schnell, recht objektiv und nicht von der besten Freundin, die in Wahrheit eigentlich schon seit Jahren immer zu den schwarzen Schuhen tendiert.

Also versucht man sich zu öffnen und auszubreiten. Auch wenn das im ersten Moment gar nicht so leicht fällt. Immerhin kann nun wirklich jeder, der zufällig über die URL stolpert, nachlesen, wie es dem Autor am 12.3.06 ergangen ist. Und dieser Gedanke kostet ein bisschen Überwindung. Und auch die Angst vor vielleicht einmal auch negativ ausfallender Kritik gilt es zu verdrängen – wer möchte schließlich einen Kommentar mit dreimal gerufzeichnetem Blödsinn haben (oder einen der Netiquette angepassten, der sich aber in seiner Quintessenz auf das zusammenfassen lässt)? Es gilt also, ein Risiko einzugehen und einmal kurz mit sich selbst zu ringen, bevor man auf das entscheidende Knöpfchen drückt.

Natürlich ist es dann praktisch, seine Informationen immer vor Ort zu haben – egal ob man nun in der Bibliothek oder bei einem Freund zuhause ist, dem man nur schnell etwas zeigen möchte. Da erspart der Blog als virtuelle Gedächtnisstütze tatsächlich exzessive doch meist erfolglose – ja, warte, ich habs gleich! – Googleorgien. Und wer die Disziplin aufbringt und tatsächlich auch Recherchewege und kurze Geistesblitze notiert, der erntet wahrscheinlich ein paar (viele) durchgeschlafene Nächte mehr pro Semester. Allerdings sind schon meine Tagebücher immer nach zwei Wochen wieder in der staubigsten aller Ecken gelandet…

So ein Blog ist also, wenn er regelmäßig aktualisiert wird, etwas sehr praktisches und auch dem Großteil der Internetbenutzer nicht mehr fremdes. Dennoch muss ich dem Text in ein, zwei kleinen Punkten widersprechen. Das erste betrifft das Finden des eigenen Blogstils. Nicht jeder ist zum Schriftsteller geboren – natürlich – aber der Rat zum ungenierten Kopieren von Stilen, die gefallen, ist für mich fehl am Platz. Das macht das ganze meist nur noch schlimmer – wie schon die Pfadfinder sagten: learning by doing.

Zweiter Punkt betrifft das Lob des Blogs als ortsunabhängiges Kommunikationsmittel des stressgeplagten Studenten, der kaum Zeit zum Atmen hat. Ortsunabhängig? Ja. Kommunikationsmittel? Ja. Ersatz für mangelnde Sozialkontakte bedingt durch Überarbeitung? Nein. Zumindest würde ich es niemandem empfehlen auf Dauer einzig durch einen Blog mit seinem Mitmenschen zu kommunizieren – und der stete Chor der Isolation und Vereinsamung rufenden Psychologen gibt mir da wohl recht. Es lebe der Kaffeehaustisch - denn wer nicht einmal dafür ein kurzes Päuschen hat, sollte auch nicht mehr in Blogs tippen, sondern sein Leben überdenken gehen.

Alles in allem ist der Blog aber eine feine Sache. Besonders für Leute die gerne schreiben und einen kleinen Hang zur Selbstdarstellung besitzen. Ich bin froh, dass wir in Ihrer LV mit der Idee zur Erstellung und Führung eines Blogs beglückt wurden, denn ohne diesen dezenten Motivationsschub hätte es wohl noch ein wenig gedauert, bis ich mich mit dieser Materie auseinandergesetzt hätte. Und vielleicht finde ich ja doch noch ein wenig Disziplin und lege mir noch einen allgemeineren wissenschaftlichen Blog an.

In diesem Sinne bitte ich die heute etwas freier geratene Auslegung des Kommentars zu entschuldigen und wünsche frohes Fest und einen guten Rutsch.
Schmale - 20. Dez, 16:42

Kommentar Schmale

Das war erfrischend zu lesen, und dennoch substanziell. Aus meiner Perspektive: ich lerne sehr viel mehr über Sie und Ihre KollegInnen im Kurs, als in einer üblichen LV; es haben eben alle Ihren eigenen Stil, nicht nur rhetorisch oder literarisch gesehen, sondern auch in Bezug auf die Art und Weise, wie argumentiert wird.
Kaffeehaus und Beisl würde ich auch nicht gegen einen Blog eintauschen, aber der Blog hat doch was von einem andauernden Kontakt.

Ebenfalls schöne Weihnachten und viel Erfolg 2007!

jan.hodel - 31. Dez, 13:03

Ein weiteres Paradox...

Ja, Weblogs tragen Persönliches in die weite Öffentlichkeit. Vergleichbar mit einem Treffen im Café, bei dem man dem besten Freund seine Nöte mit dem Prof oder dem anderen Geschlecht oder den Eltern oder was immer berichtet, und da drehen sich an den Nebentischen die Leute um, und geben ihren Kommentar ab: "Sagen Sie dem Prof doch mal so richtig... - ... den treulosen Kerl hätte ich...- " usw.
Ich finde das sehr anregend, hier noch mit einigen Tagen Verspätung in den LV-Weblogs über Ihre Ansichten zum Nutzen und Sinn des Bloggens in der Geschichtswissenschaften zu lesen, also sozusagen nachdem Sie das Café schon verlassen haben. Das ist sehr anregend. Doch wie ist das Gefühl, von aussen nicht nur "beobachtet", sondern auch noch kommentiert zu werden??
Noch zum Titel des Kommentars: ein weiteres Paradox ist meiner Ansicht nach der informelle, eher mündliche Stil des schriftlichen Weblogs, der sich ja auch in e-Mails oder bei SMS beobachten lässt. Weiss ich weder, was ich davon halten soll, noch, was für Auswirkungen auf die wissenschaftliche Kommunikation das hat.

Schmale - 17. Jan, 16:33

Kommentar Schmale, Aufgabe 9

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